Dienstag, 2. Juli 2013

saigon - mekong delta.

Wieder einmal dauerte es ein bisschen laenger, bis ich mich aufraffen konnte einen neuen Blogeintrag zu verfassen. Aber hier nun endlich ein Update.

Der Aufenthalt in Saigon gestaltet sich komplett anders als zuvor in Myanmar, Thailand und Hanoi, was dazu fuehrt, dass wir abends entweder ziemlich erschoepft ins Bett fallen, oder etwas mit den anderen Voluntaeren unternehmen. Das erste Mal in zwei Monaten verbringen wir eine laengere Zeit mit anderen Leuten in mehr oder weniger unserem Alter und so nett es auch ist Gesellschaft zu haben, fehlt mir etwas Privatsphaere mittlerweile schon deutlich. Inzwischen hausen wir zu siebt in einem Zimmer und obwohl ich mit niemandem ein Problem habe, sehne ich mich gerade sehr nach etwas Ruhe.

Nach unserem Start im Kinderheim wechselte ich nach der ersten Woche in das medical program und Ling fing an hier am College Englisch zu unterrichten.
Ich war ziemlich gespannt auf das Krankenhaus und was mich dort wohl erwarten wuerde. Leider muss ich sagen, dass ich ziemlich enttaeuscht von dem Projekt bin und auch nicht ganz verstehe, warum Voluntaere dort hingeschickt werden. Natuerlich ist es interessant zu sehen, wie es in einem vietnamesischen Krankenhaus so zugeht, aber ich hatte mir erhofft etwas dazuzulernen oder zumindest irgendwie helfen zu koennen. Das einzige was uns in der Klinik gestattet ist, ist das Zusehen bei Physiotherapie und der Zugang zum OP. (Da es ein orthopaedisches Krankenhaus ist, spezialisiert sich alles auf Unfallversorgung, Fehlstellungskorrekturen und Rehabilitation, wofuer man meiner Meinung nach auch eine Vorliebe haben muss^^)
Das groesste Problem ist die Verstaendigung, da so gut wie niemand englisch spricht und einem dementsprechend nicht viel erklaert wird. Manche OPs finde ich wirklich sehr interessant, aber wenn man das Gefuehl hat nur im Weg zu stehen und man sowieso niemanden fragen kann, was gerade wofuer gemacht wird, erscheint einem die ganze Sache doch etwas sinnlos. Witzigerweise habe ich jetzt schon nach 1,5 Wochen ein Zertifikat vom Krankenhaus erhalten, welches besagt, dass ich einen dreiwoechigen Kurs in orthopaedischer Behandlung und Rehabilitation absolviert habe. Haha.

Die hygienischen Verhaeltnisse in der Klinik sind, wie schon befuerchtet, katastrophal und ich rate wirklich niemandem sich hier operieren zu lassen. Ein OP-Bereich in dem die "sterilen" Laken am Boden zusammengefaltet werden und in dem es Haendedesinfektion nur fuer die Chirurgen gibt, sollte, zumindest als Patient, wirklich gemieden werden.
Wie dem auch sei, der 25 minuetige Marsch zwischen College und Krankenhaus, in der bruetenden Hitze, an der Hauptstrasse entlang, viermal am Tag (morgens zum Krankenhaus, mittags zum College-Lunch, nachmittags zurueck zum Krankenhaus und 2,5h spaeter wieder zurueck zum College) erscheint mir zumindest als ordentliches Workout ;)

Soweit ich mibekommen habe gefaellt Ling das Unterrichten hier allerdings ganz gut und fuer sie hat sich der Wechsel auf jeden Fall auch gelohnt. Das ist ja schon mal was.

Die anderen Voluntaere sind fast ausnahmslos Englischmuttersprachler und ich bin gezwungen permanent nicht deutsch zu sprechen. Das ist natuerlich eine gute Uebung, aber in einer grossen Gruppe sticht man natuerlich mit deutschem Akzent deutlich heraus, was mir doch manchmal relativ unangenehm ist. Die meiste Zeit jedoch kuemmert es mich nicht und ich plappere meine schraege Grammatik unverbluemt in amerikanische, kanadische, britische oder australische Gesichter. Verstehen tun sie mich offensichtlich ;)

Letzte Woche sind wir alle zusammen in eine Karaokebar gegangen

und im Anschluss daran betraten Ling und ich, das erste Mal nach mindestens zweimonatiger Tanzabstinenz, mal wieder einen Club. Ich muss wirklich sagen, dass mich ueberrascht hat wie ausgelassen die jungen Vietnamesen feiern koennen und das "Maedchen-zahlen-keinen-Eintritt-und-keine-Getraenke-Prinzip" sollte sich ruhig mal in Deutschland durchsetzen.
Ich hatte einen lustigen Abend :)

Die Studenten hier haben ein aussergewoehnliches Interesse an uns "Westlern" und nutzen jede Gelegenheit um ins Gespraech zu kommen. Die Voluntaere die hier unterrichten, inklusive Ling, haben innerhalb der letzten Wochen alle bestimmt schon ueber ein Dutzend neuer vietnamesischer Facebookfreunde und sie werden regelmaessig gebeten, mit zehn Millionen Victory-Fingern im Hintergrund, vor dreizehn Millionen Handykameras zu posieren.
So kam es auch, dass wir am Freitagabend von Tom und Mary, zwei angehende Restaurantmanagern, in den District 1 (das kulturelle Zentrum und der Ausgeh- und Backpackerbezirk) zum Abendessen eingeladen wurden.


Die Kommunikation war durch das Englischlevel der Beiden zeitweise etwas schwierig, aber wir hatten trotzdem alle einen sehr netten Abend und ich habe nun einen zwanzigjaehrigen vietnamesichen Verehrer :D

Fuer letzten Samstag nahmen wir uns das Mekong Delta vor und der Preis von umgerechnet 7 Euro fuer einen kompletten Tagesausflug inklusive Bus, Boot, Wasser, Fruechten und Lunch, entzueckte uns sehr. Wir hatten ausserdem Glueck mit dem Wetter und der Monsoon setzte erst ein, als wir schon auf dem Rueckweg waren.


Wir fuhren mit kleinen Booten von Insel zu Insel,


besuchten eine Bienenfarm, bestaunten die bluehende Vegetation und sahen zu, wie Einheimische Coconut-Candy herstellen.



Fuer mich waren die Kanufahrt durch den Dschungel und der Kuschelmoment mit einer Python die absoluten Highlights.


Ein wirklich gelungener Tagesausflug.


Zudem habe ich es auch mal wieder genossen nur mit Ling und keiner grossen Gruppe unterwegs zu sein.

Den Rest des Wochenendes entspannten wir im College und mir gefiel es sehr zur Abwechslung mal am Sonntag auszuschlafen und einfach gar nichts zu machen.

Das Entspannungsfeeling hat mir gleich so gut gefallen, dass ich ich mich am Montag dazu hinreissen liess, mit meinen Krankenhausvoluntaeren den Nachmittag im OP zu ueberspringen und lieber ein anstaendiges Spa zu besuchen. Kann man schon mal machen, schliesslich ist es unsere letzte Woche hier. 90 Minuten "Full Body Massage with hot stones and relaxation oil" fuer weniger als umgerechnet 18 Euro. Peng Peng.

Nun liegen noch drei Arbeitstage in Saigon vor uns und am Sonntag gehts schon nach Kambodscha.
Ich bin wirklich sehr gespannt auf unsere letzte Station und kann es kaum fassen, dass nur noch knapp 5 Wochen in Asien vor uns liegen.
Das Abenteuer steuert langsam dem Finale entgegen.
Wahnsinn.

// Valentina

Samstag, 22. Juni 2013

xin chào!

Was fuer eine Woche!
Unser Flieger hob am vergangenen Sonntag um 8:40 Uhr in Hanoi ab - oder zumindest sollte er. Der Tag fing damit an, dass wir im Flieger sassen und nichts passierte. Das vietnamesische Boardpersonal teilte wahllos einigen Passagieren mit, was vor sich ging, aber generell hingen alle in der Luft. Na ja, oder eben nicht.
Nach einiger Zeit erfolgte eine Durchsage und von dem britischen Piloten erfuhren wir, dass irgendein technisches Problem vorlaege und sie einen Ingenieur suchen, der den Fehler beheben koenne. Es sollten alle aussteigen und in einer halben Stunde wiederkommen, dann seien wir startbereit. Der Fehler koenne immer und ueberall passieren und das solle Jetstar (eine vietnamesische Billigairline) nicht in schlechtes Licht ruecken. Keiner bewegte sich, denn da die Durchsage in englisch war hat ausser den vielleicht fuenf westlichen Passagieren niemand etwas verstanden.
Irgendwann startete der Flieger dann jedenfalls und mit gerade einmal 90 Minuten Verspaetung kamen wir in Ho Chi Minh City an. Wir pickten unsere Rucksaecke vom Gepaeckband und steuerten froehlich dem Ausgang entgegen. Was mit Tom in Yangon so gut funktioniert hatte schien nun zur Farce zu werden. Wir suchten auf saemtlichen Terminals und nach einer Stunde gaben wir auf. Sollte jemand da sein, um uns abzuholen, sollte uns die Person schoen laengst gefunden haben. Immerhin waren seit der geplanten Ankunft nun zweieinhalb Stunden vergangen. Wir versuchten das Buero von The Green Lion in Thailand zu erreichen, was an einem Sonntag aber schwer ist und auch Tom hoerte nicht, als wir ihn zu kontaktieren versuchten. Es blieb uns nichts anderes uebrig als ein Taxi zu nehmen und in die Stadt zu fahren. Doch waehrend der Fahrt begann es wie wild zu regnen und es sah so aus, als wuerde es auch nicht mehr so schnell aufhoeren. Mit den riesen Rucksaecken in einem Cafe zu sitzen und zu warten, wer weiss wie lange, und uns nicht durch den prasselnden Niederschlag bewegen zu koennen, schien uns nicht besonders sinnvoll. Also blieb uns als einzige Moeglichkeit uns in ein Hotel einzuquartieren. Wir wussten ja auch nicht, wie schnell sich unsere Lage aendern wuerde.
Wir fanden ein nettes Hotel mit einem ertragbaren Preis. Sie liessen uns ihren Computer benutzen, um Tom und The Green Lion zu schreiben und dann gingen wir erst einmal etwas essen. Immerhin war es inzwischen frueher Nachmittag und wir waren schon wieder seit halb sechs auf den Beinen.
Als wir gegen vier zurueck kamen hatten wir eine Nachricht von Tom: Wir sollten Brian anrufen. Zurueck auf dem Zimmer taten wir das dann und Brian entpuppte sich als der zustaendige Mensch fuer The Green Lion Vietnam. Er teilte uns mit, dass er nichts von unserer Ankunft wusste und er uns sieben Uhr abholen wuerde. Ein grandioser Start in drei Wochen Ho Chi Minh! (Tage spaeter stellte sich heraus, dass die Mail von Tom in seinem Spamordner landete und er es daher nicht wusste. Aber Tom haette auch auf eine Reaktion von Brian warten koennen, bevor er uns mitteilt, dass alles geklaert sei, oder?)
Natuerlich mussten wir fuer die fuenf Stunden, die wir in dem Hotel waren, den vollen Preis bezahlen und haben erneut unnoetig Geld verloren.

Mit Brian fuhren wir zum Saigontourist Hospitality College. Es handelt sich um eine sehr kleine Universitaet, in welcher man sich beispielsweise zum Koch oder Restaurantmanager ausbilden lassen kann. In der dritten Etage befinden sich eine handvoll Schlafsaaele, getrennt nach Geschlechtern und wir wurden in einem Zimmer von vier Maedchen willkommen gehiessen.


Insgesamt besteht unsere Gruppe aus etwa 20 Voluntaeren. Es gibt vier Projekte (das Kinderheim, ein Heim fuer geistig und koerperlich beeintraechtigte Kinder, ein Medizinprojekt und den Englischunterricht hier am College) auf die wir aufgeteilt sind. Dieser Zusammenschluss besteht wohl aber auch erst seit etwa sechs Wochen und ich denke, dass es daran liegt, dass Tom uns mitgeteilt hat, dass es keine Einfuehrungswoche gaebe. Das naemlich ist der Grund dafuer, warum wir erst am Sonntag anreisten. Die anderen hingegen, die mit uns starten, sind schon seit Freitag da, denn am Samstag begann eine Einfuehrungswoche. Und wir haben zwei volle Tage verpasst, in denen sie beispielsweise in die Oper gingen und alte Kriegstunnel erkundeten. Das finde ich schon sehr aergerlich.

Montag sollte ein kulinarischer Tag werden. Am Morgen wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt und die Gruppe, in der Valentina und ich waren, hat gebacken. Wir schauten dabei zu, wie die Studenten hier Mousse au chocolat und Marmorkuchen buken (Witze machend, dass das etwas total typisches fuer Vietnam sei und wir es vorher noch nie sahen), um beides anschliessend selbst herzustellen. Und natuerlich mussten wir es dann auch verputzen. Ein durchaus netter Start in eine Woche.
Danach stand fuer uns alle zusammen das Schnitzen von Obst und Gemuese auf dem Programm. Erst sollten wir aus einem Teil einer Moehre eine Rose fertigen, doch schnell hat der etwas entnervte Lehrer festgestellt, dass wir das nicht wirklich hinbekommen und uns eine einfachere Aufgabe gegeben.





Zum Schluss sollten wir eine Rose in einen Kuerbis schnitzen, doch auch das klappe eher maessig. Ich habe mich gar nicht lang damit befasst, sondern einfach Kreise in meinen Kuerbis geschnitzt und als der Lehrer mich zum fuenften Mal ausgelacht hat, hat er meine Kreise als Inspiration fuer ein Gehirn genommen und ein grusliges Gesicht hinzugefuegt. Ich fand es sowieso spannender ihn einfach zu beobachten.





In den folgenden Tag starteten wir mit einem Sprachkurs. Vietnamesisch ist eine Mischung aus chinesisch und franzoesisch, finde ich. Ich kann ein paar Sachen sagen (die ich mir schon vorher aus dem Reisefuehrer rausgesucht habe), aber ansonsten werde ich das wahrscheinlich einfach weiter wie in Myanmar machen und dem Taxifahrer eine Adresse auf einem Blatt Papier vor die Nase halten. Wobei ich sagen muss, dass die Menschen in Myanmar wesentlich besser englisch sprachen als die Menschen hier. Das war im Norden noch schwerer, aber ich finde es dennoch bemerkenswert. Und ich meine, fuer uns ist es immerhin auch nicht super einfach, denn in unserer Gruppe befinden sich neben zwei chinesischen und einem vietnamesischen Maedchen nur englische Muttersprachler.
Nach dem Mittagessen ging es zum Museum fuer Kriegsverbrechen. Es erlaubt einen tiefen Einblick in die blutige Vergangenheit Vietnams. Den groessten Teil nimmt der amerikanische Krieg ein und was er fuer furchtbare Spuren hinterliess und noch immer hinterlaesst. Bilder von mutierten Koerperteilen, entstellten Kindern, gefolterten und verstuemmelten Menschen und zahlreichen anderen Grausamkeiten haben mir die Traenen in die Augen getrieben.
Am Bến Thành Markt machten wir eine Pause. Aber ich habe in den letzten Wochen schon so viele Maerkte gesehen, dass mich dieser irgendwie doch relativ kalt liess. Es gab Essen, Kleidung, Kaffee ohne Ende, einen riesen Essbereich und sicher zahlreiches anderes. Aber irgendwie aehnelt sich doch alles sehr.
Am Ende des Tages stand uns noch eine Ueberraschung bevor, wobei Anna, unsere Koordinatorin, nicht besonders gut darin war, das Geheimnis lange geheim zu halten: Wir gingen zum Wasserpuppentheater. Das wollte ich schon in Hanoi sehen, habe es aber nicht geschafft. Das Wasserpuppentheater ist eine vietnamesische Kunstform und fester Bestandteil des kulturellen Lebens. Die Vorstellung geht meist nur etwa eine Stunde und man kann der Handlung relativ einfach folgen, weil mit Musik unterlegte Szenen vorrangig aus dem alltaeglichen Leben und die heiligen Tiere wie beispielsweise Feuer (Wasser) spuckende Drachen gezeigt werden. Mit allem diesem Wissen und meiner Vorfreude waren meine Erwartungen natuerlich so hoch, dass sie nicht getroffen werden konnten. Es war okay, aber ich bin ganz froh, dass ich keinen Eintritt zahlen musste.


Mittwoch sollte dann der Tag sein, an dem wir das erste Mal arbeiten wuerden. Brian zeigte uns und den anderen die Wege zu den jeweiligen Projekten und gegen Mittag waren wir im Kinderheim. Und ich war schockiert. Es handelt sich um ein gemischtes Heim mit Kindern von 1 bis 16. Es scheint, als wuerden die Kinder ihr Beduerfnis nach Liebe damit ausgleichen, dass sie sich gegenseitig scheinbar grundlos und ununterbrochen pruegeln. Egal welches Alter, alle sind uebersaeht mit Wunden und blauen Flecken. Und wie sollten sie es auch anders kennen, denn selbst die Frauen, die dort arbeiten, treten und hauen die Kinder. Vielleicht ist es ein kulturelles Ding, denn auch in Myanmar werden die Kinder geschlagen, um ihnen Respekt beizubringen und ich kenne das einfach nicht. Aber irgendwie finde ich auch, dass das eine lahme Ausrede ist und ich kann das einfach nicht vertreten. Dort im Kinderheim zu stehen erfuellte mich mit einer unendlichen Traurigkeit. Es war laut und brutal und der Geruch war kaum auszuhalten.


Wir waren an dem Nachmittag da, um ein bisschen mit den Kindern zu spielen. Sobald ich am Boden sass, kam eine Handvoll von ihnen zu mir, um sich auf mich zu schmeissen und zu kuscheln. Doch auch das wurde mir persoenlich schnell zu viel. Es fiel mir sehr schwer, die Extreme zwischen dem Naehebeduerfnis und der Aggressivitaet zu haendeln.
Die halbe Stunde, die wir im Bus auf dem Weg zurueck zum College sassen, brauchte ich, um irgendwie etwas herunterzukommen. Ein halber Tag und ich fuehlte mich, als sei mir meine Energie ausgesaugt wurden.

Am folgenden Donnerstag sollten wir das erste Mal den kompletten Tag im Heim verbringen. Zu dritt machten wir uns am Morgen auf den Weg. Die vier Maedchen, die bereichts da freiwillig arbeiteten, waren an dem Tag nicht da und der Gedanke, dass wir drei als Neuankoemmlinge da auf uns gestellt sein wuerden, aengstige mich ein bisschen. Aber Augen auf und durch.
Am Morgen sollten wir englisch unterrichten. Da Valentina und ich darin nun schon einige Uebung hatten, freute ich mich darauf und ich finde auch, dass wir das sehr gut gemacht haben. Doch von zehn bis elf sassen wir wieder im unteren Bereich mit den ganzen Kindern, die voellig ausser Kontrolle sind. Wir haben im Prinzip zwei Sachen getan: Wir haben entweder den Kindern (und dabei macht es keinen Unterschied ob Junge oder Maedchen) gesagt, dass sie nicht schlagen, beissen, kratzen sollen oder wir haben die getroestet, die geweint haben, weil sie geschlagen, gebissen, gekratzt wurden waren. Ich war heilfroh, als dann Essenszeit war. Valentina und ich halfen die Kleinsten zu fuettern und dann war endlich Pause.
Von den anderen Voluntaeren wussten wir, dass auf der gegenueberliegenden Strassenseite ein nettes Cafe ist, in dem man die Pause verbringen kann, denn abgesehen davon war es eine Gegend, in der man absolut nichts holen konnte. Es gab neben Motorradersatzteillaeden nichts. Eine sehr arme Gegend ist das. Also sassen wir da, um etwas herunterzukommen. Doch die Ruhe sollte nur anhalten, bis der anderen Voluntaerin ploetzlich ihr iPhone aus der Hand gerissen wurde. Alles geschah ganz schnell und ploetzlich. Niemand sah wirklich etwas. Sie versuchte es krampfhaft festzuhalten, doch vergeblich. Sie rannte dem Typen hinterher, aber nach einigen Metern sprang dieser auf ein Motorrad auf und verschwand. Wir gehen davon aus, dass das ein geplanter Angriff war. Der Dieb hat mit Sicherheit die anderen Maedchen beobachtet, die jeden Tag in dem Cafe mit ihren Telefonen zur gleichen Uhrzeit sitzen und gewusst, wann er seine Chance ergreifen kann. Und sie tat mir so unendlich Leid: Das erste Mal alleine auf Reisen und dann passiert so etwas, gleich ganz am Anfang. Unsere Koordinatorin war zufaellig auch da, weil sie gern Zeit im Kinderheim verbringt, und gemeinsam mit ihr fuhren wir dann zur Polizeistation. Aber was nuetzt schon eine Anzeige gegen Unbekannt. In Deutschland wird es schon nahezu unmoeglich sein, das Telefon wiederzubekommen, aber hier? Oh man.
Nach dem Schock fuhren wir zurueck zum College und hatten den Rest des Tages frei. Und unabhaengig von der Handygeschichte sprachen Valentina und ich mit Brian ueber die Moeglichkeit das Projekt zu wechseln. Sie wollte ganz klar eher in das Medizinprojekt und mich machte das Kinderheim einfach fertig. Es ist ein Zwiespalt: Einerseits will ich da sein und helfen und den Kindern zeigen, dass jemand fuer sie da ist. Aber ich habe nicht das Gefuehl, dass meine Anwesenheit einen Unterschied macht. Die Struktur muesste von Grund auf geaendert werden und ich kann kaum den 50 jaehrigen Frauen, die eh nur wenig Englisch verstehen, zu verstehen geben, dass ihre Erziehung verdammt nochmal falsch ist und die Kinder nichts lernen, wenn sie selbst schon respektlos und von oben herab behandelt werden. Aber ich will sie auch nicht im Stich lassen. Gleichzeitig habe ich von anderen gehoert, die Englischunterricht hier im College geben, dass es Spass macht und es ein toller kultureller Austausch ist. Ich habe das Gefuehl, dass mir das wesentlich mehr bringen wuerde. Weil, klar, ich bin hier um freiwillig zu arbeiten. Aber ich moechte auch etwas davon haben und nicht jeden Tag mit einem schlechten Gefuehl angehen und ausklingen lassen. Ich werde wohl das Schicksal entscheiden lassen, ob ich den Wechsel machen kann oder nicht. Valentina jedenfalls hat eine positive Antwort erhalten und kann am Montag in der Klinik anfangen.

Fuer uns beide war der Freitag ein wesentlich angenehmerer Tag. Das Maedchen, dem das Telefon gestohlen wurde, bekam zwar frei, aber zwei der alten Voluntaere fuhren mit uns gemeinsam zum Heim. Und die Kinder waren ruhig. Der Englischunterricht verlief angenehm und danach sassen wir mit den Kindern ganz ruhig da. Sie schauten fern und lagen auf uns und kuschelten. Wobei ich sagen muss, dass ich es auch nicht besonders gut finde, zu sehen, dass das einzige, was sie davon abhaelt, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, der flimmernde Fernseher ist. Das deprimiert mich alles sehr.
Besonders beeindruckt hat mich, dass der zehnjaehrige Junge, den ich am Vortag als einen der schlimmsten erlebt habe, ganz ruhig mit seinem Kopf auf meinen Beinen schlief. Sie wollen alle nur Liebe und Zuwendung, aber das immerzu im Hinterkopf zu behalten finde ich sehr schwer.
Nach der Mittagspause sassen wir mit einigen da und haben gemalt, was auch sehr angenehm war. Andererseits weiss ich auch nicht, wie es in dem anderen Zimmer vor sich ging, wo sich der Grossteil der Kinder aufhielt. Sie koennten sich da ebensogut die Koepfe eingeschlagen haben.

Heute Morgen ist der Grossteil der Meute zum Mekong Delta gefahren. Valentina und ich wollten urspruenglich mitkommen, aber es war dann doch etwas stressig und auch fuer einen Tagesausflug zu weit. Vielleicht machen wir das dann am kommenden Wochenende. Jedenfalls sind wir in unserem Zimmer jetzt nur noch zu dritt (ein Maedchen konnte nicht mit, weil sie erkaeltet ist. Auch Valentina und mich hat es schon wieder getroffen - Klimaanlage sei Dank) und es ist auch schoen ein ruhiges Wochenende vor uns zu haben, nachdem wir die letzten Wochen so viel auf Achse waren.

Achso, und ich sollte noch erwaehnen, dass wir hier jetzt voll in der Regenzeit angekommen sind. Nahezu jeden Tag plaeddert es herunter, dann meist fuer mehrere Stunden. Heiss ist es trotzdem.

// ling

Samstag, 15. Juni 2013

inselspass.

Hah, diesmal lassen wir euch nicht so lange Zeit. Ihr seid quasi fast live dabei!

Nachdem wir am Sonntag in Hanoi ankamen, regnete es die gesamte Nacht und den gesamten Montag. Doch da wir das Klima hier schon ein bisschen einschaetzen koennen, dachten wir uns das bereits. Es war einfach zu heiss. Daher haben wir am Montag nur entspannt, mit ein paar Leuten aus dem Hostel DVD geschaut und uns ausgeruht.


Da wir aber auch noch etwas von Hanoi sehen wollten - anders als von Bangkok - haben wir fuer Dienstag einen Tag voller Sightseeing eingeplant. Es fing an mit dem Ho Chi Minh Mausoleum. Wie der letzte Beitrag beginnt auch dieser mit der Sichtung einer Leiche. Man kann im Mausoleum den Leichnam eben dieser Persoenlichkeit fuer sage und schreibe zehn Sekunden bestaunen, bevor man den winzigen Raum schon wieder verlassen muss. Ho Chi Minh wollte zwar verbrannt werden, doch das haelt die Vietnamesen nicht davon ab, seine Ueberreste einmal im Jahr fuer zwei Monate nach Russland zu schicken, um ihn erneut einbalsamieren zu lassen. Da der Spass nun schon seit mindestens 30 Jahren so geht, kann ich mir nicht vorstellen, dass an ihm noch etwas Menschliches dran ist. Aber ich bin auch nicht hier um zu urteilen. Im Gegenteil fand ich das alles sogar sehr spannend. Wir standen bestimmt eine halbe Stunde in der Schlange an, um dieses Erlebnis haben zu koennen und am beeindruckendsten war fuer mich eigentlich das Ganze drum herum. Es schien alles wahnsinnig organisiert zu sein. Man musste gerade in einer Reihe stehen und wurde anderenfalls massgeregelt. Im Mausoleum selbst durfte man nicht sprechen. Soldaten stolzierten ueber den ganzen Platz. Die Hecken waren scheinbar mit Nasenhaarscheren gestutzt, so akkurat sah alles aus. Der Mensch hat hier schon wirklich eine grosse Bedeutung.




Nach einer Atempause im Literaturtempel zogen wir weiter in das Geschichts- und das Revolutionsmuseum, um eben diese Bedeutung zu erfahren und uns auch etwas mit der Geschichte Vietnams auseinanderzusetzen. Ich kann es nur jedem empfehlen, dies auch zu tun, denn es ist sehr interessant, wenngleich traurig und schockierend. Ich hingegen moechte mich an dieser Stelle ausklinken und den weiteren Verlauf unserer ganz eigenen Geschichte schildern. Erneut hiess es fuer uns naemlich: Ab an den Strand!


Wir hatten uns vorgenommen, unsere Fehler aus Thailand und Koh Phangan nicht zu wiederholen, also hielten wir uns in einem strikten fuenf Meter Radius von jeder Agentur entfernt. Wir wussten, dass wir irgendwie in Richtung Ha Long Bucht wollten. Bei dieser handelt es sich um ein wunderschoenes Gebiet, in welchem rund 2000 Kalkfelsen in Form von zumeist unbewohnten Inseln und Felsen aus dem Wasser ragen, teilweise mehrere hundert Meter hoch. Ausserdem ist die Bucht UNESCO Weltnaturerbe. Ganz klar, dass wir dahin wollten. 




Die Bucht selbst aber ist sehr touristisch und dementsprechend teuer. Daher entschlossen wir uns nach Cat Ba zu fahren, der grossten Insel der Ha Long Bucht, die aber auch etwas weiter oestlich ist. Wir wurden davon unterrichtet, dass dort derzeit wenige westliche Touristen sind und es eher die Vietnamesen auf die Insel zieht. Die Insel beherbergt einen Nationalpark Vietnams und ist wirklich unglaublich schoen. Im Internet fanden wir eine Busgesellschaft, mit welcher man fuer relativ kleines Geld (weniger als 10 Euro) von Hanoi zur Hauptstadt der Insel, Cat Ba Stadt, fahren kann. Und das alles in nur vier Stunden! So ganz konnte ich das nicht glauben. Mir schien es, als haetten wir das alles schon einmal gehoert. "Es geht ganz schnell. Gar nicht kompliziert." Ah ja. Da wir aber kaum eine Wahl hatten kauften wir das Ticket und stiegen am Mittwoch um 7:20 Uhr in den Bus. Und nach zwei Stunden kamen wir zum naechsten Bus. Und nach einer halben Stunde kamen wir zu einem Speedboot. Und nach einer dreiviertel Stunde kamen wir zu einem Bus. Aber da waren wir schon auf Cat Ba und nach einer viel zu aufregenden Serpentinenfahrt und weiteren dreissig Minuten waren wir in der Stadt. Wahnsinn. Das war super anstrengend, aber ging angenehm schnell. Dadurch, dass wir auch nur etwa fuenfzig Mal umsteigen mussten verflog die Zeit rasend schnell. Und dadurch, dass der Bus voller laut durcheinander schreiender Vietnamesen war und wir um gerade einmal fuenf Uhr aufgestanden sind, mussten wir die Fahrt nicht einmal schlafend verbringen. Wahnsinn! Und das ganze fuer weniger als zehn Euro!


In Cat Ba Stadt angekommen dachten wir uns, dass wir erst einmal an den Strand gehen sollten, um ein bisschen zu schlafen. Am Abend wuerde noch immer genug Zeit sein nach einer Unterkunft zu suchen. Da wir schon am Mittag da waren, waren wir sehr ungestoert und es war ruhig und wir fuehlten uns wohl. Wir holten Schlaf nach und gingen irgendwann ins Wasser. Von jetzt auf gleich aber fuellte sich der Strand mit vietnamistischen Touristen. Es wurde super laut und voll.




Und das Interessante war, dass Valentina und ich mit unseren Bikinis ins Wasser gegangen sind, alle anderen Frauen aber teilweise komplett bekleidet waren, inklusive Mundschutz und nassen Tuechern auf dem Kopf. Wir haben uns ewig nicht getraut aus dem Wasser zu gehen, aus Angst, dass wir die Menschen beleidigen koennten und selbst als wir dann draussen waren, haben wir uns sofort in unsere Handtuecher eingehuellt, um moeglichst alles zu verdecken, so, wie wir es bei den Frauen sahen. Wir wurden spaeter allerdings aufgeklaert, dass es nichts damit zu tun habe, dass die Frauen sich schaemen wuerden oder aehnliches. Ganz im Gegenteil, es koennte sie wohl kaum weniger interessieren, wie wir herumlaufen. Es geht einfach nur darum, aehnlich wie in Myanmar, dass die Menschen besessen sind von der weissen Hautfarbe und sie lieber mit drei Schichten total vermummt bei 40 Grad im Schatten rumlaufen, als zu riskieren, auch nur einen Strahl Sonne abzubekommen.


Nachdem wir uns umgezogen hatten ging es daran ein Hotel zu finden, in dem wir uns wohlfuehlen wuerden und das uns moeglichst auch ein Fruehstueck mit bietet. Die an den Strand angrenzenden Resorts haben wir zwar aufgesucht, doch 2000000 Dong die Nacht (etwa 70 Euro) schienen die vier Sterne zu rechtfertigen, aber nicht ganz in unser Budget zu passen. Also fuehrte uns der Weg wieder zurueck in die Stadt und an den Hafen, wo wir eigentlich erst gar nicht hin wollten. Es schien uns viel zu ueberfuellt und zu wuselig. Doch als wir in dem scheinbar einzigen westlichen Restaurant aufschlugen und sahen, dass sie auch Zimmer vermieten und eine eigene Bar haben und sie uns dann auch noch 5 Dollar Rabatt gaben, war eigentlich schon alles entschieden. Wir hatten ein kleines, sauberes Zimmer mit Balkon, Blick auf den Hafen und das Wasser und Fruehstueck. Valentina war von Anfang an hin und weg und ich muss gestehen, dass ich auch sehr froh bin, mich von ihr ueberzeugt haben zu lassen.



Den Abend verbrachten wir, wie sollte es auch anders sein, in der hauseigenen Bar. Man konnte kostenlos Billard spielen und an eben diesen Billardtisch zog es uns. Und zum Glueck! Nach einigen Runden gesellten sich die beiden Barmenschen zu uns, denn es war ein ruhiger Abend und sie hatten nicht viel zu tun. So spielten wir noch einige Runden mit Jesse, einem Amerikaner, und Chan, einem Inselkind. Valentina fragte die beiden um Rat, an welchen Strand wir denn am naechsten Tag gehen koennten. Zwar war der Strand, an dem wir an diesem Tag waren, sehr schoen, aber uns fehlte doch etwas die Ruhe. Chan sagte uns, dass er oftmals mit Freunden an einen einsamen Strand gehe um zu grillen und zu schwimmen und wenn wir wollten, koennten wir da am naechsten Tag hinlaufen. Hinlaufen. Mh. Valentina und ich guckten uns an. Das kam uns doch so bekannt vor: Ein Einheimischer, der uns erzaehlte, wir kaemen ganz einfach irgendwohin, ohne grossen Stress, geht alles easy, easy und wir muessten uns keine Sorgen machen. Wir betonten drei Mal, dass wir nur Flip Flops dabei haetten und Chan beteuerte, dass wir auf einen Berg hochlaufen und dann auf der anderen Seite runterlaufen und dann sind wir schon am Strand. "Keine Dschungeltour?", fragten wir ahnungsvoll. Er verneinte mehrfach.


Am Donnerstagmorgen trafen wir elf Uhr Chan und nach einigen Ueberredungskuensten gesellte sich auch Jesse mit zu uns. Valentina und Chan besorgten Brot, Kartoffeln, Zwiebeln und jede Menge Austern. Ausserdem steuerte Chan noch einige Kilo Litschis zu und voll bepackt ging die Reise los. Der Aufstieg erfolgt ueber eine betonierte Strasse. Es war anstrengend, aber vollkommen in Ordnung. Es war immerhin gesagt, dass wir einen Berg hochsteigen wuerden.

Der Weg bergab begann mit einer Art Kalksteinschotterweg, etwas Gras, aber war voellig in Ordnung. Als wuerde man einen Waldspaziergang auf einem vorgefertigten Wanderweg unternehmen. Bis wir ploetzlich im Gebuesch standen. Wir hatten die Wahl, einen etwas laengeren Weg zu gehen, der einfacher ist oder einen kuerzeren, der schwerer ist. Ersterer war, laut Aussage Chans, etwa 600 Meter und zweiterer etwa 10 Meter. Na, wenn das nicht mal ein Unterschied ist! Wie schwer kann schon so ein bisschen laufen durch den Dschungel sein. In Flip Flops. Ohne Halt. Mit schweren Ruecksaecken. Ungeuebt. "Easy, easy", wiederholte Chan. Ich fuehlte mich verdaechtigt an Myanmar erinnert. Aber man soll ja nicht voreilig urteilen.
Der Weg wurde schmaler und wir liefen hintereinander. Chan trommelte uns dann alle zusammen, als wir auf einer Strecke liefen, die etwa 20 Zentimeter breit war und nach rechts von einem wohl drei Meter tiefen Abgrund bewacht wurde. "Das letzte Mal war ich alleine hier", sagte Chan. "Da bin ich reingefallen." Na, fuer einen Menschen, der den Grossteil seines Lebens im Dschungel verbrachte und ganze zwei Meter misst, ist es bestimmt nicht so schwer da wieder rauszukrabbeln. Mein Gedanke hingegen war eher, ach, na ja, koennten wir vielleicht bitte ganz schnell weiterlaufen? So in etwa bevor ich anfange ueber alles hier nachzudenken und wie gefaehrlich das eigentlich ist. Aber ach, die eigentliche Gefahr liegt ja immer vor und nicht hinter einem.
Wir kamen dann in einen waeldlicheren Teil und ich fragte mich, wie lang zehn Meter wohl in Chans Welt sind. Obwohl Jesse die ganze Zeit sehr entspannt war, hoerte ich ihn hinter mir auch die ganze Zeit seuftzen. "Oh Chan, wo bringst du uns hier hin. Man, wenn den Maedchen was passiert... Oh Chan." Er erklaerte mir dann, dass Chan denkt, was er kann, kann auch jeder andere. Deswegen sagte er uns immer, wie easy das doch alles sei. Auch das war kein Problem, als wir zu einer Stelle kamen, an welcher wir uns 'wie Soldaten' bewegen sollten. Erst verstand ich nicht, was Chan uns sagen wollte. Aber na, schnell wurde klar, dass die Baeume bis fast auf den Boden ragten und wir dann eben im Entengang weitermarschieren. In Flip Flops. Ich moechte es nur hin und wieder betonen. Direkt vor unseren Gesichtern offenbarte sich ein wahnsinnig grosses Spinnennetz und ich fuehlte mich daran erinnert, dass ich gelesen hatte, dass auf Cat Ba zahlreiche giftige Spinnen- und Schlangenarten zu Hause sind. Und alles, was Chan sagte, war, dass sie ja mehr Angst vor uns haetten als wir vor ihnen. Klar, wer wird nicht gern wachgetreten.
Ueber Steine rutschend und springend, an Aesten festklammernd und mit jeder Menge Adrenalin in unseren Blutlaufbahnen ging es die letzten 30 der 10 Meter weiter und ploetzlich, ich hab schon fast nicht mehr daran geglaubt, mussten wir nur noch einmal einen rutschigen Stein einen halben Meter hinabspringen und schon waren wir am Strand. Easy.



Ich muss gestehen, dass der Strand wirklich einmalig war. Es befand sich dort, wie versprochen, kein anderer ausser uns. Wir liessen uns auf grossen Kalksteinbloecken nieder und sprangen dann ins Wasser. Es war erfrischend und der Ausblick war einfach sagenhaft. Wir haben Anstrengungen hinter uns gebracht, die sich allemal gelohnt haben und erneut war ich sehr froh, dass ich eine waghalsige, gefaehrliche Aktion durchstanden habe. Gleichzeitig reicht es mir jetzt aber auch erst einmal mit Einheimischen, die mir erzaehlen, wie einfach der kurze Weg zu beschreiten sei.

Irgendwann gingen Chan und ich los, um Feuerholz zu sammeln und Valentina und Jesse kuemmerten sich um die Kuechenarbeiten. Ich habe Feuer gemacht! In der Wildnis. Hah!



Wenn ich mich bis dahin nicht wie in der Serie LOST gefuehlt habe, dann auf jeden Fall jetzt an diesem einsamen Strand, zu dem wir extra Austern mitgebracht hatten. Urteile wer moechte. Ein paar assen wir so und den Grossteil schmissen wir in Alufolie gehuellt ins Feuer.




Das erste und bis dahin letzte Mal ass ich auf Sylt Austern, bevor ich mich komplett vegetarisch ernaehrt habe und ich bin wirklich froh, dass ich gerade diese vier monatige vegan Pause habe, denn sonst waere ich nicht erneut in den Genuss gekommen. Austern sind koestlich! Und besonders stolz waren wir alle auf Valentina, die Meeresfruechte und Fisch furchtbar widerlich findet und sich dann aber doch dazu hat breitschlagen lassen eine Auster zu probieren. Und ihren Worten nach war es gar nicht mal total widerlich. Grossartig!

Die Flut stieg an und loeschte unser Feuer und da Jesse und Chan am Abend wieder in der Bar arbeiten mussten, raeumten wir auf und machten uns auf die spannende Rueckreise. Und spannend war sie wirklich. Wir bestanden darauf den langen Weg zurueck zu nehmen, der uns einen Berg hochfuehrte und nicht direkt durch den Dschungel ging. Der Lonely Planet, unser Reisefuehrer, schrieb, dass der normale Reisende keinen Schlangen und Spinnen begegnen wuerde, denn jeder wisse ja, dass man nicht durch hohes Gras laufen soll, weil man Gefahr laeuft, auf Schlangen zu treten. Und wenn man in den Dschungel geht, dann natuerlich immer in festen, knoechelhohen Schuhen und mit langen Hosenbeinen und Aermeln. Ich schaute an mir herunter, mit meinen nackten Beinen, die aus dem hohen Gras schauten, meiner Hotpants. Den nackten Armen unter dem Traegertop. Und den Flip Flops. Alles richtig gemacht. Meine Beine waren nach kurzer Zeit vom Gras voellig zerschnitten, alles juckte, ich habe gefuehlte 50 Mosquitostiche von der Groesse meines Daumennagels und wer weiss, was noch so alles auf mir krabbelte. Den Berg haette man auch locker herunterpurzeln koennen. Irgendwann kamen wir oben an und ich habe mich tatsaechlich darueber gefreut, dass ich mehr oder weniger heil aus der Nummer wieder rausgekommen bin. In Flip Flops. Easy.
Aber was will ich mich beklagen. Der Tag war wundervoll, der Strand traumhaft und wir hatten eine wirklich schoene Zeit da. Ich bin froh, ich kann es nur wiederholen, dass ich mich in dieses Abenteuer gestuerzt habe. Das naechste Mal haette ich allerdings vorher gern eine Auskunft, die mit der Realitaet uebereinstimmt und feste Schuhe. Das waer's auch schon auf meiner Wunschliste.

Gestern dann stand auch schon unserer letzter Tag auf der Insel bevor. Erneut fuhren wir mit Chan zu einem einsamen Strand. Diesmal aber ohne Wanderungen oder sonstige Ueberraschungen. Wir schwommen, lagen in der Sonne und irgendwann fuhren wir mit dem Moped zurueck in die Stadt. Nun, das ist eine Strecke, die ich als 'easy' bezeichnen wuerde.



(Extra fuer Jule ein Bild mit Adventure Hut.)

Heute Morgen standen wir gewohnt frueh auf, um mit Bus - Boot - Bus - Bus in gerade einmal vier Stunden in Hanoi anzukommen. Wir fuhren zu unserem Hostel vom Anfang der Woche zurueck, bezogen unser Zimmer und seitdem haben wir nichts gemacht. Und das finde ich grossartig. Denn obwohl die Inselzeit hervorragend war, bin ich doch auch ganz schoen kaputt und habe, wer haette das gedacht, Muskelkater. Dadurch, dass wir morgen nach Ho Chi Minh City fliegen, muessen wir natuerlich wieder zeitig aufstehen und als Belohnung arbeiten wir dann ab uebermorgen. Das war's also erstmal mit Strand. Vielleicht jedenfalls. Wer weiss. Aber was rede ich, eine Belohnung ist das alles hier. Die Erfahrungen und Abenteuer, die ich hier mache und in mir aufnehme, sind mehr wert als alles andere und wenn ueberhaupt bin ich einfach nur unendlich dankbar dafuer, dass ich hier sein kann und all dies erleben darf.




// ling

Montag, 10. Juni 2013

mandalay - bangkok - koh phangan - bangkok - hanoi

Soooo. Nach einer laengeren Pause gibts jetzt mal wieder ein Update.
Ich fange am besten chronologisch an.

Unsere letzten Tage in Myanmar verliefen recht ruhig. Wie Ling schon in ihrem letzten Post berichtete, verstarb der Bischof drei Tage vor unserer Abreise und dadurch mussten wir auf den froehlichen Abschiedsnachmittag mit den Jungs verzichten und versuchten die Lautstaerke im Klassenzimmer gering zu halten.



Als ich dann ein letztes mal im Kinderheim vorbeischaute, fuehrte mich Father John in das Gemeindehaus, um mir noch ein paar Leute von einer anderen Organisation vorzustellen und auf einmal stand ich vor dem Vorstorbenen. Das hatte ich nicht erwartet. Die Leiche wurde bei 38 Grad ueber zwei Tage, nur durch ein Moskitonetz geschuetzt, in einem Raum mit gefuehlten 20 Ventilatoren aufgebart, um jedem Gemeindemitglied die Gelegenheit zu geben, sich vor der offiziellen Beisetzung noch zu verabschieden. Perplex und von allen Seiten beobachtet sprach ich den Anwesenden mein Beileid aus und versuchte die Sache hinter mich zu bringen. Beim anschliessenden Abendessen ging mir dieses Bild (und der Geruch) nicht aus dem Kopf und es fiel mir wirklich schwer meinen Teller aus Hoeflichkeit zu leeren.

Am naechsten Morgen flogen wir nach Bangkok und schon kurz nach der Ankunft fuehlten wir uns ueberrumpelt von dem starken Kontrast zu Myanmar und brauchten tatsaechlich ein paar Tage, um den Kulturschock zu verkraften. Natuerlich erleichtert einem ein annaehernd westlicher Standard in vierlerlei Hinsicht das Leben, gerade wenn man einen Monat auf viele Dinge verzichten musste, aber das Gefuehl sich in einem Land erwuenscht zu fuehlen und nicht einer von vielen nervenden Touristen zu sein, wuerde ich gegen keinen 7/11, kein Shoppingcenter und keine noch so tolle Skytrain der Welt eintauschen wollen. Die Thais sind zwar auch ein wirklich lustiges Voelkchen, aber meine Authentizitaet-Messlatte haengt nach Myanmar ziemlich weit oben und ich bin gespannt, ob da ueberhaupt noch irgendwas waehrend unserer Reise rankommen kann.

Das Hotel in Bangkok befand sich im belebten Khao-San-Viertel



und war zwar ziemlich renovierungsbeduerftig, aber ausser Ameisen und Geckos konnten wir zum Glueck kein Ungeziefer in unserem Zimmer entdecken. Zuvor lasen wir uns im Internet verschiedene Bewertungen fuer das Hotel durch und ein Grossteil berichtete von Bettwanzen. Das waere wirklich unser groesster Horror gewesen. Gott sei Dank blieb uns das bis jetzt erspart. Knock on wood :)

Die ersten Tage in Bangkok gestalteten wir relativ entspannt. Wir betrieben sehr sanftes Sightseeing und goennten uns eine Thaimassage fuer umgerechnet 3 Euro die Stunde :P
Wir entschieden uns dagegen die kompletten 8 Tage nur in der Grossstadt zu verbingen und beschlossen 3 Tage auf irgendeine Insel zu fahren. Zunaechst kam fuer uns kein wirklich weit entferntes Ziel in Frage, aber irgendwie passierte es, dass wir abends in einer Travel-Agency sassen und uns davon ueberzeugen liessen, dass wir wettertechnisch auf der sicheren Seite seien, wenn wir zwar "ein bisschen" laenger unterwegs waeren, aber dafuer voll auf unsere Kosten kaemen. Kosten ist auch das passende Stichwort. Im Endeffekt hat die gute Dame uns voll uebers Ohr gehauen und wir bezahlten weit mehr fuer die Fahrt und die Unterkunft als noetig gewesen waeren. Sie setzte uns sozusagen die Pistole auf die Brust, in dem sie uns sagte, dass wir jetzt ganz schnell entscheiden sollen, weil wir dann noch heute Abend den Nachtbus nehmen koennten und dadurch keinen Tag verlieren wuerden. Das klang fuer uns logisch und wir buchten.



Keine 90 Minuten spaeter (im Turbo-Tuk-Tuk zurueck zum Hotel, in windeseile Rucksaecke gepackt und zum Bus pick-up-point gerannt) sassen wir im Bus und realisierten erst, dass wir jetzt erstmal 14h unterwegs sein werden.




Wir fuhren 10h bis zum Pier, warteten dort auf das Boot und nach weiteren 3h erreichten wir endlich unser Ziel. Das Wetter im Sueden spielte natuerlich mit und die Insel war wirklich so, wie wir es erwartet hatten.
Koh Phangan ist ein Taucher- und Schnorchlerparadies, umgeben von tollen Korallenriffen und wunderschoenen Straenden. 



Trotz des Tourismus wirkte die Insel auf mich nicht komplett ueberladen. Man muss allerdings dazu sagen, dass jetzt gerade keine Touristensaison ist und die monatliche Full-Moon-Party, zu der tausende von Menschen extra anreisen, auch nicht in unseren Aufenthalt fiel.
Wir hatten 2 Betten in einem wirklich schoenen und sauberen Dorm (fuer den Preis, den wir der Agency zahlten, haetten wir allerdings eine eigene Suite in einem Strandresort haben koennen^^), welches ausser uns sonst niemand anderes bewohnte.



Uns war es allerdings auch erlaubt das dazugehoerige Taucher-Resort am Meer (5 Minuten Fussweg entfernt) samt Pool, Strandliegen, Beachbar etc. zu nutzen.
An zwei von drei Tagen (einen Tag regnete es) besuchten wir phantastische Straende auf der Nordseite der Insel und abends hingen wir mit den Tauchern im Resort rum.




Am Freitag mussten wir leider wieder unsere Reise nach Bangkok antreten und diesmal dauerte das ganze 18h. Die Busgurkerei war so schrecklich, dass wir eigentlich nur noch darueber lachen konnten, wie oft wir umsteigen und warten mussten. Der letzte Bus in dem wir sassen, hielt in 12 Stunden genau einmal fuer eine 20 minuetige Pause. Und es gab kein Klo an Bord. Ich bin wirklich beeindruckt von mir selber, wie ich das nur ausgehalten habe ;)
Voellig erschoepft und uebermuedet von der Reise fielen wir um 6:30 Uhr morgens in unsere Hotelbetten und fuehlten uns dann auch den restlichen Tag ziemlich platt und gelaehmt von der Hitze.

Urspruenglich war geplant, dass wir die kommenden vier Wochen in Hanoi sein werden, um dort wieder zu unterrichten, aber Tom teilte uns mit, dass die Organisation gerade Probleme mit dem Projekt dort hat. Wir werden nun also eine Woche in Hanoi verbringen und dann am Sonntag (15.6.) nach Saigon (Ho Chi Minh City) fliegen, um dort an einem Strassenkinderprojekt teilzunehmen. Darauf bin ich wirklich sehr gespannt und freue mich auch schon richtig auf die Arbeit. Was genau wir machen werden und wie alles ablaufen wird, wissen wir noch nicht, aber das macht das Ganze ja auch nochmal spannender :)

Unser Flieger nach Hanoi startete nun gestern frueh schon um 06.45 Uhr und ich fange langsam an mich daran zu gewoehnen, mitten in der Nacht in irgendwelchen Transportmitteln irgendwo hinzufahren^^.
Wir hatten uns noch in Bangkok ein zentrales Hostel im Internet rausgesucht, wohin wir uns nach unserer Ankunft (natuerlich uebermuedet) auch gleich mit dem Taxi bringen liessen.
Eine Nacht haben wir jetzt hier verbracht und sowohl das Zimmer, als auch die Atmosphaere hier gefaellt mir bis jetzt wirklich gut. Den Vietnamesen scheint es auf den ersten Blick an nichts zu fehlen, wie die Menschen hier allerdings wirklich drauf sind, kann ich noch nicht einschaetzen. 
Aber ich habe ja noch einen Monat Zeit das Leben hier auf mich wirken zu lassen.

//valentina

Donnerstag, 30. Mai 2013

bagan.

Am vergangenen Freitag fuhren wir um halb neun am Abend mit dem uns inzwischen schon bekannten Pick Up Bus zum Busbahnhof und setzten uns ab zehn Uhr in einen Bus, um die Reise nach Bagan anzutreten. Eigentlich ist Bagan nur 290 Kilometer von Mandalay entfernt, aber die Fahrt beanspruchte fuenfeinhalb Stunden. Als wir um halb fuenf am Morgen halbtot ankamen, durften wir erst einmal ins Bett und schlafen, bevor wir im Gaestehaus eincheckten mussten. Das kam uns natuerlich sehr entgegen. Allerdings wurden wir noch von einem Mann aufgehalten, der uns anbot, uns den ganzen Tag mit seiner Pferdekutsche zu den schoensten der immerhin rund 3000 Pagoden zu fahren. Die Fahrt sollte den Sonnenuntergang und das Zurueckbringen zum Gaestehaus beinhalten. Da wir muede waren und wir sowieso etwas aehnliches geplant hatten, sagten wir zu und handelten ihn auf 11000 Kyat pro Person hinunter. Ich denke der Preis war okay.
Um neun Uhr ging es dann los. Wir warteten vor dem Gaestehau, doch der Mann erschien nicht. Stattdessen fuhr sein 15 jaehriger Neffe in der Pferdekutsche vor und signalisierte uns einzusteigen.


Wir fuhren von Pagode zu Pagode, von Tempel zu Tempel und wenn ich ehrlich sein darf, ich habe schon nach kurzer Zeit gaenzlich den Ueberblick verloren. Keine Ahnung, wie viele wir sahen. In dem meisten Tempeln liefen Einheimische herum, die die Touristen mit Informationen fuettern. Sie sind wie gewohnt hoeflich und wir erfuhren vieles von ihnen, was in den Reisefuehrern so nicht verzeichnet ist. Beispielsweise teilten sie uns mit, dass die meisten Anlagen tatsaechlich Tempel sind, denn Pagoden sind besonders, da sie irgendetwas von Buddha in sich haben, wie beispielsweise die Shwedagon Pagode ein Haar Buddhas in sich birgt. Interessant fand ich vor allem, dass viele Einheimische auch deutsch sprachen und das nicht nur broeckchenweise. Aber natuerlich wurden wir am Ende dieser Touren immer zu ihren Verkaufsstaenden gefuehrt und sie praesentierten uns alle die praechtigsten Souveniere und allen moeglichen Kram, den man brauchen kann oder auch nicht.

Wir standen auf dem Dach eines Tempels und vor uns eroeffnete sich ein riesiges Feld an Pagoden und Tempeln, die historische Koeningsstadt Myanmars lag uns zu Fuessen. Das war fuer mich definitiv das Beeindruckendste.


Viele hundert Jahre wurde hier an den Ziegelsteinbauten gearbeitet und nun lag die steppenartige Landschaft vor uns, alles zum Greifen nahe. Und tatsaechlich beruehrten wir viele der Steine, die in Europa wahrscheinlich hinter Glas versiegelt waeren. Ich fuehlte mich ehrfuerchtig vor dieser architektonischen Meisterleistung.



Unser Kutscher fing gegen zwei Uhr ploetzlich an herumzuspinnen. Er meinte, nun fahren wir zur letzten Pagode und fuer den Sonnenuntergang koennten wir uns ja Fahrraeder ausleihen.  Das war es nicht, was wir abgemacht hatten! Er zeterte herum, dass das Pferd nun muede sei. Bei dem naechsten Tempel krallten wir uns den Rucksack, den wir bis dahin immer beim Kutscher gelassen haben, und machten uns einen Schlachtplan: Entweder er faehrt uns wie verabredet zum Sonnenuntergang und dann zurueck oder wir geben ihm einfach weniger Geld. Nach weiteren Diskussionen sagte er okay, wir fahren nun zum Sonnenuntergang. Wir kamen zu einem Tempel, auf den man klettern konnte und nach kurzer Zeit sammelten sich immer mehr Touristen auf dem Dach. Es dauerte noch eine Stunde bis zum Sonnenuntergang und faszinierend war, dass die Sonne dann mitten am Himmel unterging und nicht etwa am Horizont. Schade war, dass der Himmel etwas bewoelkt war, aber dennoch war es sehr beeindruckend.


Kurze Zeit darauf aber winkte schon unser pubertaerer Kutschjunge, dann er zurueck wolle. Er hatte echt die Nase voll. Wir stiegen ab und in die Kutsche und zurueck ging die Fahrt. In einem stillen Moment drehte sich Valentina zu dem Jungen und sagte: "Okay, und zu welcher Pagode fahren wir als naechstes?" Ihm sind die Gesichtszuege entglitten und Valentina und ich lachten schallend! Er stieg dann auch mit ein und wir konnten den Tag mit einem positiven Gefuehl ausklingen lassen.

Zurueck im Gaestehausfiel uns auf, dass wir kaum noch Geld haben und nicht so ganz wissen, wie wir den folgenden Tag finanzieren sollten. Am Wochenende haben die Banken natuerlich aber geschlossen. Auf die Fragte, wie wir in die Stadt kommen koennen, hiess es gleich: "Mit dem Fahrrad. Laufen ist zu weit." Ich schluckte. Dass das auf mich zukommen wuerde, habe ich fast vermutet, aber nun traf mich der Schlag doch etwas unerwartet. (Fuer die, die es nicht wissen: Seit meinem Fahrradunfall vor zehn Jahren habe ich furchtbare Angst vor dem Fahrradfahren und sass nur zwei Mal zwei Minuten wieder darauf und es war nicht so toll.) Ich atmete tief ein und aus und sagte zu Valentina: "Okay. Wir haben keine andere Wahl. Du faehrst vor und wir fahren ganz langsam. Egal." Also krallten wir uns zwei Raeder (ich nahm zufaellig das Rad Nummer 13, meine Glueckszahl) und los ging die Fahrt. Tja, es stimmt wohl, dass man Radfahren nicht verlernt. Nicht, dass ich mich besonders wohl fuehlte, aber immerhin ging die Fahrt ganz gut.
Nach kurzer Zeit hielt Valentina an, um einen Mann zu fragen, ob er etwas wisse, wo man Geld tauschen koenne. Er stellte sich als Deutscher heraus, Bernd, und er und seine Frau Ursel halfen uns weiter, indem sie uns Geld aus ihrem Portemonnaie wechselten. Nach einem kurzen Plausch luden sie uns sogar noch zum Abendessen in einem ziemlich schicken myanmarischen Lokal ein. Wir hatten echt einen klasse Abend. Zufrieden und mit vollen Maegen fuhren wir gegen halb zehn zurueck zum Gaestehau, um uns mit Decken und Schals in das Bett in dem Zimmer zu werfen, das wir vorher mit der Klimaanlage heruntergekuehlt hatten. Verstehe einer diese Logik.


Aber haha, damit nicht genug. Um 00:20 Uhr klingelte der Wecker und wir zogen uns fix Klamotten an, damit wir uns auf die Raeder schwingen konnten, um erneut zu einem Treffen mit Bernd und Ursel zu fahren und das Endspiel der Champion's League gucken zu koennen. Aehm, Moment einmal. In Deutschland kann man mich mit Fahrraedern und Fussball ueber die Landesgrenze jagen und hier, in Myanmar, am anderen Ende der Welt, stehe ich mitten in der Nacht auf, um mit einem Fahrrad zu einem grossen Fussballgucken fahren zu koennen. Okay. Das muss ich erstmal verdauen. Es dauerte nicht lange, bis ich feststellte, dass ausgerechnet das das Abgedrehteste ist, was ich hier gemacht habe. Ausgerechnet das.

Der naechste Tag verlief etwas ruhiger - in so weit man das sagen kann, da wir den ganzen Tag erneut auf Fahrraedern unterwegs waren. Wir fuhren in die winzige Stadt Nyaung U, die das wirtschaftliche Zentrum Bagans darstellte. Wir liefen ueber einen Markt und tranken Myanmar Tee. Wir sassen am Wasser herum, und fuerchteten schon, dass in den naechsten Jahren dort ein riesiges Hotel mit Strand entstehen wuerde. Es war einfach ein lockerer Tag, an dem uns niemand hetzte und wir einfach ganz ruhig durch die Gegend schlendern konnten.


Und um 18 Uhr waren wir zum Essen verabredet. In Mandalay im Gaestehaushaben haben wir zwei ganz tolle Menschen kennengelernt und uns da am Freitag schon ganz traurig verabschiedet. Mit ihnen gingen wir in Bagan dann noch einmal essen und versprachen uns, dass wir uns irgendwann, entweder in Deutschland oder irgendwo in der Welt, wiedersehen wuerden.

Und dann ging der Bus um 21 Uhr zurueck nach Bagan. Den Montag haben wir frei bekommen und konnten das erste Mal, seitdem wir hier sind, ausschlafen.
Dienstag war etwas Besonderes, denn wir haben uns mit Anne zu einem Maedelsabend mit Bier und DVD verabredet. Wir brachten The Life of Pi mit und noch bevor wir mit dem Film anfingen hatten wir schon einen in der Krone, weil Anne uns grosse Schlucke eines klaren Reisschnapses ins Bier fuellte.



Gestern gingen wir endlich zum Mandalay Hill, nachdem wir es nun drei Wochen herausgezoegert haben. Aber die Aussicht war so lala und wir waren irgendwie wenig begeistert. Schade.


Heute sollte eigentlich ein Abschiedsessen fuer uns stattfinden, bei dem wir auch mit den Jungs und Anne Spiele spielen wollten, da morgen ja schon unser letzter Tag ist. Nun ist aber diese Nacht der Bishop des Hofes verstorben und die gedrueckte Stimmung zog sich durch den Tag und der Abend wurde leider abgesagt. Aber so etwas kann man wohl einfach nicht absehen. Dann werden wir heute einen ruhigen Abend zu zweit haben und morgen dann einfach das letzte Mal hier in Mandalay zum Unterricht erscheinen. Und Samstag geht es weiter nach Bangkok in ein neues Abenteuer.


// ling

Donnerstag, 23. Mai 2013

amarapura.

Nach drei Stunden irregulaerer Verben und einem Restaurantdialog haben wir die Jungs gestern vom still sitzen erloest und machten uns nach dem Mittagessen auf den Weg unseren Lieblingsburmesen Mister Morris zu treffen. Fast jedes Mal, wenn wir auf die Strasse gehen, hoeren wir schon von weitem ein "Hello. How are you today? Happy?" und dann quatschen wir meist ein/zwei Minuetchen mit ihm. Das letzte Mal erzaehlten wir von unserern Plaenen nach Amarapura zu fahren, um uns dort ein bisschen umzusehen und er bot sofort an uns zu begleiten, da er immerhin seit 30 Jahren dort lebt und uns herumfuehren koenne. Er faehrt die Strecke jeden Morgen und jeden Abend eine Stunde mit seinem Fahrrad. Respekt. Da haben wir uns gedacht, wen, wenn nicht ihn, sollten wir bei diesem Trip dabei haben wollen? Zumal er bestimmt auch eine Idee haette, wie man nach 18 Uhr noch zurueck nach Mandalay kommt. Hier ist es naemlich so, dass nach Sonnenuntergang eigentlich kein oeffentlicher Bus mehr faehrt und man auf ein "teures" Taxi angewiesen ist. Mister Morris versprach das alles fuer wenig Geld zu regeln. Perfekt. Wir zahlten also umgerechnet einen halben Dollar fuer die Hinfahrt, sein Ticket haben wir natuerlich mitbezahlt, und huepften in einen Pick Up. In diesen Pick Up Bussen haben circa zehn Leute Platz ordentlich zu sitzen. Meistens sind aber mindestens doppelt zo viele Menschen plus unterschiedlichste Dinge an Bord. Man rueckt sehr eng zusammen. Wer jung und mobil ist steht. Kinder sitzen auf dem Schoss, Tiere werden unter den Fuessen verstaut und wenns sein muss hat auch noch ein Zentner Reis irgendwo Platz. Keiner scheint irgendwie auch nur ansatzweise gestresst zu sein. Ein gewoehungsbedueftiges Transportmittel, aber garantiert frei von anderen Touristen. Es ist ein absolutes Erlebnis und wir fuehlten uns, wie schon etliche Male zuvor hier in Myanmar, von den Einheimnischen eher erwuenscht als nervend. So waren wir nun auf dem Weg nach Amarapura. Unter mir zu meinen Fuessen guckte ein Gockel aus einem Korb heraus und gab gelegentlich ein paar Laute von sich, wenn der Bus zu heftig in staubige Schlagloecher bretterte. 



Der Fahrtwind wirkte kurzzeitig sogar ein bisschen erfrischend und die Burmesin neben mir hatte Gefallen daran Photos auf meiner Digitalkamera anzuschauen. Ich fuehlte mich wohl.



Nach circa 45 Minuten Fahrt und einem kleinen Zwischenstopp auf halber Strecke erreichten wir nun unser Ziel und hatten ueberhaupt keine Ahnung, wo wir haetten lang laufen muessen. Mister Morris lohnte sich schon das zweite Mal nach der guenstigen und lustigen Hinfahrt. Er fuehrte uns durch die sandigen Gassen und von allen Seiten konnte man ein monotones Klappern wahrnehmen. Er erklaerte uns, dass dies von den Holzwebstuehlen kaeme, die in fast jedem Haushalt bedient werden. In Amarapura lebt fast jede Familie von der Herstellung teurer, hochwertiger Longyis. Longyis sind lange Gehroecke, die auf eine bestimmte Art und Weise auf Huefthoehe zusammengeknotet werden und die jederzeit, zu jedem Anlass sowohl von Maennern als auch von Frauen getragen werden. Maennerlongyis sind meist kariert und in gedeckten Farben, wohingegen Frauenlongyis bunter und luftiger sein duerfen. Bis zum Knoechel gehen allerdings beide. So konnten wir waehrend unseres Ausfluges auch in eine Fabrik reinschauen und den Frauen und Maennern beim Weben ueber die Schulter gucken.


Im Gegenueberliegenden Geschaeft konnte man das Hergestellte dann fuer nicht wenig Geld kaufen. Kunden sind entweder reichere Burmesen, die sich einen Festtagslongyi goennen oder europaeische Touristen, die nach einem ganz besonderen Mitbringsel suchen.

Bevor uns Mister Morris zur U Bein Bruecke, der Hauptattraktion Amarapuras, bringen sollte, fragte er, ob wir etwas dagegen haetten, einen kurzen Abstecher zu ihm nach Hause zu machen. Seine Frau kann aufgrund einer Herzerkrankung nicht viel laufen und wuerde sich sicher ueber Besuch freuen. Wir stimmten zu und als wir sein Haus betraten, wurde uns erst bewusst, welche Ehre uns zuteil wurde. Wir wurden sehr liebevoll empfangen und uns wurde sofort versiegeltes Flaschenwasser angeboten. Einheimische trinken hier ausschliesslich das normale Wasser aus der Leitung, was fuer unsere europaeischen Maegen ein nicht zu verachtendes Risiko darstellt. Uns Besuchern wurde also nur das Beste angeboten. Mister Morris zeigte uns Bilder von seiner Familie und erzaehlte stolz von seinen Enkelkindern. In diesem Bambushaus zu sitzen, umgeben von Bildern strahlender Gesichter, gab mir ein unglaublich warmes Gefuehl. 



Nachdem wir uns auch noch mit Bananen staerken durften, machten wir uns auf den Weg zum See. Wir besichtigten noch eine Pagode, deren Buddhastatue mindestens 15 Meter hoch war und wir liefen beeindruckt durch die heilige Halle. 

Danach war es endlich so weit: Wir kamen an den See, ueber den die groesste Teakholzbruecke der Welt fuehrt. Sie ist circa 1,2 Kilometer lang und Menschen aus aller Welt kommen hier her, um sich den Sonnenuntergang anzusehen. 



Mister Morris gab uns 90 Minuten Zeit, um alleine bis ans andere Ufer zu schlendern, Photos zu machen und die Atmosphaere zu geniessen. Ein unglaublich schoenes Panorama bot sich uns. Im seichten Wasser waren unzaehlige Voegel und ein paar Ochsen zu sehen, die sich an einer Erfrischung erfreuten. Vereinzelt glitten kleine Fischerboote vorbei und nicht wenige Einheimische schwammen und fingen Fische mit den Haenden, die sie in ihren Longyi sammelten. Wir haben natuerlich photographiert bis zum geht nicht mehr, aber den Moment auf dieser Bruecke zu stehen, den leichten Wind am Koerper zu spueren und von dieser Wahnsinnskulisse umgeben zu sein, kann man wahrscheinlich nur in sich selber so intensiv abspeichern.



 


Nachdem die Sonne unterging, fuhren wir gluecklich und zufrieden mit einem wesentlich leereren Pick Up zurueck nach Mandalay. Es war ein wirklich toller Tag.



// Valentina

PS: Ein drittes Internetcafe gibt erneut Hoffnung :D Bilder konnten wir nun nachtraeglich einfuegen.